geschichten aus hamburg
Steak und Zeit: Winterhude
Man kennt es von Weihnachten, von Prüfungen und eben auch von Geburtstagen: Eigentlich ist der Tag davor noch viel aufregender als der, um den es eigentlich geht. Alles erscheint möglich, von unvergesslich schön bis unvergesslich grauenhaft. Kinder glauben an das Gute und sind sich sicher, dass es großartig werden wird. Erwachsene haben schon Routine, außer vielleicht bei Hochzeiten, und wissen, der Ausschlag nach unten ist genauso gut möglich, meistens wird es aber – ganz okay. Etwas anders verhält es sich, wenn es um eine sogenannte runde Zahl geht. Ob Hochzeits- oder Geburtstag, dann schwingt etwas Magisches mit, dem sich keiner entziehen kann, warum auch immer. Ein 40. Geburtstag gehört dazu, defintiv. Die einen betrachten die Zahl als Erlösung (jetzt aber wirklich endlich erwachsen), die anderen als das fallende Damoklesschwert (jetzt aber wirklich erwachsen werden müssen). Bei einem Menschen liegt der 40. Geburtstag so ziemlich in der Mitte der zu erwartenden Lebensspanne. Bei einem Unternehmen wird er oft gar nicht erst erreicht. Und wenn doch, dann ist zwar immer noch nichts prophezeibar, aber es sieht schon ziemlich gut aus. Als Restaurant, als ein Unternehmen mit inzwischen zig Restaurants, ist 40 wahrlich eine herausragende Zahl. So wie man in Hundejahren rechnet, kann man wohl auch in Restaurantjahren rechnen. Demnach würde das Block House am 26. September vielleicht so – 200?
Eine 200-Jährige sieht man nicht alle Tage, ich besuche am 25. September 2008 eine noch 199-Jährige: Die Filiale in der Dorotheenstraße 57 in Winterhude. Den Ort, wo alles angefangen hat, die deutsche Steak-Wiege sozusagen. Und Hamburg lacht. Es ist ein sonnenmunterer Herbsttag, die Menschen sitzen draußen, und wenn nicht, dann ganz nah an den Fensterscheiben, wo sich die Sonneneinstrahlung noch einmal verdoppelt und man das Gefühl hat, so weit weg von St.-Tropez ist Hamburg gar nicht. Die Gäste im Block House wissen, dass September Jubiläumsmonat ist. Sie sehen es ja auch – an den Kostümen der Kellnerinnen, an der Retro-Speisekarte, an den Fähnchen im Steak, auf denen kleine Gewinne ausgelobt werden. Aber ihnen ist wahrscheinlich nicht klar, dass sie genau einen Tag vor dem ganz großen hier sind. Vielleicht ahnt es der Dalmatiner, der auf der Terrasse liegt und ertragen muss, wie die Menschen gut einen Meter über ihm leckere Dinge essen, während er sich mit einer Wasserschale zu begnügen hat. Immerhin sieht sein Fell so aus wie eine elegante, etwas gewagte Robe, die man auch zu einer Geburtstagsparty tragen könnte. Nein, die Menschen wissen es nicht, jedenfalls nicht die hier auf der Terrasse, die reden, schaukeln ihre Babys, schieben sich die Sonnenbrillen ins Haar (es sieht aus, als würden sie das tatsächlich tun, um den Duft des Fleisches besser riechen zu können, kann das sein?), sie sind guter Laune, aber das sind sie an sonnigen Tagen gern mal. Der Innenraum des Restaurants zeigt sich etwas anders als der anderer Filialen. Hier gibt es Nischen, nahezu offene Zimmer, es macht eher den Eindruck, als würde man in einer großen Wohnung privat willkommen geheißen. Vor dem legendären September 1968 soll hier jedoch wohl eine eher schmuddelige Eckkneipe gewesen sein. Nun, geschieht ja öfter, dass man den Dingen, und auch den Menschen, nicht ansieht, aus welchem Stall sie kommen. In meiner Nische kümmern sich Tam und Max um die Gäste. Bei beiden steht auf dem Schild „Ich bin neu“, von selbst wäre man nicht darauf gekommen. Doch es gibt da ja Unterschiede; wenn auf einem Auto steht „Abi 2008“, dann weiß man, Vorsicht ist geboten, hektische Bremsmanöver und Kick-Starts zu erwarten. Wenn auf einem Gerät „Generation 2008“ steht, dann weiß man, es ist seinen Vorgängern um mindestens einen Schritt voraus. Tam und Max sind, nach diesem uncharmanten Vergleich, jedenfalls eher iPhones als Fahranfänger, sie machen es zumindest genauso gut wie ihre erfahrenen Kollegen. So bedient Max formvollendet freundlich einen Mann, bei dem es einen nicht verwundern würde, wenn er sich schon vor fast vierzig Jahren, am Eröffnungstag, darüber gefreut hätte, dass es endlich prima Steaks in der Hansestadt gibt, und er isst so langsam und genussvoll, als wüsste er nur zu genau: Die Zahl der Steaks, die einem Menschen serviert werden, ist begrenzt. Überhaupt schwingt das Thema „Alter“ doch so ein wenig durch den Mittag. Vielleicht spüren sie ja quasi unterschwellig, dass die runde Zahl schon vor der geöffneten Tür steht; wenn so beispielsweise eine Frau ihren Freunden erzählt, eine 20-jährige Anverwandte hätte ihren Job in der Altenpflege tatsächlich in einem Totenkopf-T-Shirt angetreten, oder wenn sich ein Mann im Zweiergespräch darüber aufregt, dass die fünfsprachigen Berufsfrischlinge heutzutage stolze 800 Euro verlangen würden. Ob in der Stunde, am Tag, in der Woche oder im Monat war dem Gespräch nicht zu entnehmen. Hinter mir sitzt eine junge Frau und liest Dostojewski (würde in diesem Jahr übrigens 187), was so recht weder zur Umgebung noch zum sonnigen Herbsttag passt, aber eigentlich: warum nicht? An den Wänden sind Mosaik-Kacheln mit Rittern und Windmühlen (richtigen, nicht das, was Kinder heute darunter verstehen, die prosaischen Windräder), dazu moderne Fotos aus der Umgebung, ein Baby weint (tja, schon ärgerlich, wenn man hier keine Zähne hat), ein Kleinkind freut sich laut (es gibt Süßigkeiten in Bullenform), Erwachsene unterhalten sich kopfschüttelnd über die amerikanische Finanzkrise (Wie damals der Schwarze Freitag!, hat natürlich keiner live erlebt), die Lavagrillsteine zischen, der alte Mann entfernt mit der Serviette vorsichtig seine Fingerabdrücke am Weinglas, irgendwo hängt ein Zettel: „Morgen von 11 bis 15 Uhr geschlossene Gesellschaft, das nächste Block House finden Sie im Mittelweg 122“. Das war es dann schon, alles wie immer, kein großes Aufhebens um den 40. Geburtstag, kein Damoklesschwert in Sicht.
Max macht ein Foto von der Vierertruppe (die mit dem Totenkopf-Shirt), es ist der Tag vor dem großen Jubiläum, es ist ein schöner Tag, und wer es schon hinter sich hat, weiß: Mit 40 ist man zwar nicht mehr blutjung, aber es hat schon seinen Grund, warum die meisten Menschen es am liebsten medium mögen. „Wir haben uns behutsam verändert“, sagt man im Block House. Aber ich glaube, jeder, der schon als Kind mal im Block House war, kann bestätigen, irgendwie ist es immer noch wie früher. Bei einem Menschen wäre das bedauerlich. Bei einem Restaurant ist es eher – beruhigend.  Und darum feiert das Block House sein Jubiläum wohl auch so vergleichsweise unaufgeregt. Es wird sich weiter ein bisschen was ändern, aber es wird immer noch unverkennbar der alte Kumpel Block House bleiben. Heute, morgen, und wahrscheinlich auch in den nächsten 200 Restaurantjahren. Glückwunsch.
Noblesse für alle: Pöseldorf
Nun, es reizt einen ja automatisch, gegen den Strich zu schreiben. Also wenn es um einen Zoo geht, dann kapriziert man sich auf den Eisverkäufer, wenn es um den Bau eines Wunderwerks geht, dann schimpft man auf die zu kurzen Mittagspausen für die Arbeiter. Und wenn es um Pöseldorf geht, dann juckt es in den Fingern, Verruchtes, Unterirdisches zu berichten. Mal sehen.
Es ist ein Septembertag in Hamburg, die Blätter fangen langsam an, sich zu verabschieden, die Menschen tragen wieder Jacken, die Fenster und Dächer der Autos bleiben geschlossen und in den Parks liegen nicht mehr die Spuren der letzten Nacht herum, weil die Nacht in den Häusern verbracht wurde. Die Aktienkurse schwächeln gerade auffällig, aber das tun sie ja immer mal wieder, so ist es ein Herbsttag, der wohl nicht in die Geschichtsbücher eingehen wird, sondern den es einfach gab, wie es nun einmal unaufgeregte Tage gibt, geben muss, damit man überhaupt den Unterschied zu den herausragenden spürt. Es ist ein ganz normaler Septembertag, es ist ein ganz normaler Arbeitstag, es ist mittags, es ist Zeit für das Block House in Hamburg-Pöseldorf.
Allein die Fahrt dahin gleicht dem Weg durch eine Schatzkammer. Pöseldorf ist schön, stolz und irgendwie unerreichbar. Pöseldorf ist so ein wenig die Catherine Deneuve der Hamburger Stadtteile. Nicht nur, was man sieht, sondern auch, was man nicht sieht, suggeriert, dass die Steigerung von „aristokratisch“ „hanseatisch“ ist. Hinter den erhabenen Fassaden vermutet man beste Manieren, geschmackvolles Empfinden, altes Geld, makellosen Stil. Man weiß, dass hinter den Häuserzeilen rechts die Alster liegt, man ahnt, dass sowohl in den linken als auch in den rechten Häuserzeilen Verträge mit schweren Füllfederhaltern unterschrieben werden. Immobilien, Steuern, Medien und die Rechtsanwälte für danach, all das und natürlich die Privatpersonen (die mit fünf Vornamen), sie residieren hier.
Das Block House ist vielleicht etwas unauffälliger als anderswo, fügt sich aber mit diesem Understatement nahtlos in die elegante Kulisse ein. Gibt es einen Pöseldorf-Aufschlag? Natürlich nicht. Das Steak kostet hier so viel wie in allen anderen Filialen auch, ist genauso gut und wird genauso freundlich serviert. Aber kommt hier überhaupt jemand her? In einer Zeit, in der es Burger für dreistellige Beträge, mit Blattgold und Champagnerzwiebeltralala gibt? Das Block House ist bestens besetzt. An einem Tisch sitzen ein älterer Schauspieler (dessen Name mir partout nicht einfallen will, aber auch das ist irgendwie Understatement) und ein junger Mann. Dieser trägt das obligatorische, hier noch obligatorische, blau-weiße Buttondown-Hemd mit Manschettenknöpfen. Er bestellt ein „Tenderloin ohne alles“ und ist offensichtlich verantwortlich für den Trailer zum neuen Film seines Gegenüber. Der lässt sich seinen Caesar Salad schmecken und nickt ab und zu. Der junge Mann sagt Dinge wie „Paris Hilton kann man kaufen, Madonna nicht“, er sagt „genial“, „Celebrity“ und „Internet-Plattform“. Der ältere Schauspieler nickt weiter und schaut sich dezent im Restaurant um. Er sieht blonde Hamburgerinnen, die im dunkelgrünen Mini oder im dunkelblauen Porsche Cayenne vorgefahren sind und jetzt hier mit Freundinnen mal richtig zulangen. Er sieht ein altes Ehepaar; die Dame wäre die beste Werbung für bewundernswertes Altern, der Herr macht den Eindruck, als würde er seine Memoiren am Stehpult verfassen. Der Schauspieler sieht junge Kreative, die glänzende, hungrige Augen haben, und eine Frau, deren Optik so perfekt ist, dass man von ihr auch die Botschaft der fallenden Aktienkurse nachsichtig vernehmen würde. Er sieht einen Mann, der den Eindruck macht, nicht nur über die ganze Welt zu schreiben, sondern sie auch schon gesehen zu haben. Er sieht Männer mit gegelten Haaren, die eigentlich die ganze Zeit nur leise telefonieren, dabei aber essen. Er sieht zwei in die Jahre gekommene Schwestern mit Vuitton-Taschen und Kaschmirpullovern, die ihre alte Mutter hierher zum Essen geführt haben. Und er sieht zwei Menschen, die bekannt sind, das aber so gut verbergen, dass man sich tatsächlich auch ihrer Namen nicht hundertprozentig sicher ist. Wenn man im Block House in Pöseldorf sitzt, dann merkt man, was der Unterschied zwischen Hamburg und anderen deutschen Städten ist: Man will nicht prominent sein, man ist es einfach. Man will nicht das ganz große Ding drehen, man tut es einfach. Jedenfalls ab einem gewissen Alter. Auf Lärm ist man aus, wenn man jung ist oder, später, wenn man feststellt, dass einen sonst keiner bemerkt. Für Hamburger über dreißig ist so ein Verhalten – unangemessen.
Es gibt einen Ecktisch, über dem ein Schild angebracht ist. Darauf steht „Pöseldorf Table“. Keine Ahnung, was sich dahinter verbirgt. Mit den klischeehaften Stammtischen hat er wohl nicht viel zu tun. Man ist verleitet, sich sechs Gentlemen vorzustellen, die sich allenfalls über Polo-Spiele ereifern. Wo täte man das sonst?
Ja, man möchte dem Klischee nicht gern in die Falle gehen. Man möchte etwas schreiben, worüber sich die Leute aufregen, das sie sich deswegen aber auch merken. Aber auf der anderen Seite: die Wahrheit. Und die wiegt nun einmal schwerer als jede kleine Schreiberlingpassion. Und so ist die Beschreibung des Block House im Mittelweg 122 nicht revolutionär, sondern eher wie erwartet. Als ich gehe, fragt Margarita, ob ich zufrieden war. Und ich sage: ja, sehr. In doppelter Hinsicht. Denn es ist auch ein gutes Gefühl, wenn etwas genau so ist, wie man es sich vorgestellt hat. Zumindest, wenn es um Pöseldorf geht.
Fuhlsbüttler Straße - Unter uns Echten.
Die Fuhlsbüttler Straße ist nicht gerade das, was man als einen Prachtboulevard bezeichnen würde. Zum Glück. Und wer „vonne Fuhle wech“ kommt, neigt auch nicht gerade zu prätentiösen Sperenzien. Ebenfalls sehr angenehm.
Es ist so ein Sonntagmittag, den man wahrscheinlich schon in vier Wochen vergessen haben wird. Um ein Uhr ist der Himmel immer noch müde und regnet ab und zu gelangweilt vor sich hin. Die ganze Stadt scheint ein wenig verkatert in den Federn zu liegen; ein Tag für Sportübertragungen im Fernsehen, Telefonate mit den Großeltern, Computerfotos ordnen. Oder für lieb gewonnene Rituale, die man auch im Halbschlaf und ohne zu transpirieren genießen kann.
Das Ehepaar hat die Silberne Hochzeit sicher schon hinter sich. Er ist der Typ, der nicht mit dem Mund, sondern mit den Händen redet, zupackenden Händen, die aussehen, als könnten sie Eisenstangen verknoten, aber auch, als hätten sie schon ein paar Enkelchen über die semmelblonden Haare gestrichen. Sie hat bestimmt in ihrem Leben viele Eintöpfe gekocht, wischt auch in den hintersten Ecken und auf den Türrahmen, ein schmales Persönchen mit schnellen Augen, die durch das ganze Restaurant flitzen, aber immer wieder bei ihrem Mann hängenbleiben. Die goldenen Ringe an ihren rechten Händen machen den Eindruck, als hätten sie inzwischen den Status eines unverzichtbaren Körperteils. Wenn er etwas nicht versteht, sagt er mit etwas höherer Stimme „bidde?“ Und dann wiederholt sie, etwas lauter und langsamer. Aber sie reden ohnehin nicht sehr viel miteinander, wahrscheinlich ist das Meiste schon gesagt, und das, was nicht gesagt ist, das muss auch nicht ausgesprochen werden, da reicht anschauen, dann weiß man schon, was der Andere meint. Sie tragen beide die guten Sachen, aber nicht übertrieben, so, wie man sich eben früher anzog, wenn man essen ging, weit entfernt von Turnschuhen, aber genauso weit von Chanel. Als er aufsteht, benutzt er den Stock wie Käpt´n Ahab das Holzbein, muss ja, hat aber eine Körperhaltung wie Napoleon beim Abschreiten der Truppen, eine Hand auf dem Rücken. Ein Mann, der weder gegen den Wind noch ins Bier gespuckt hat, denkt man. Man möchte wetten, er hat sein Leben lang geraucht, und dass er sich jetzt noch an dieses affige Rauchverbot halten muss, tut einem schon fast leid.
Als er zurück an den Tisch kommt, lächelt er das junge Mädchen am Nachbartisch an. Und sie lächelt zurück. Sie ist mit einem Jungen im gleichen Alter da, wahrscheinlich sind sie beide in der Lehre, vielleicht im selben Betrieb, Spedition. Steak, Pommes, Cola, genau das, was junge Körper nach einer langen Nacht brauchen, und das Lächeln des alten Barmbekers scheint so ein wenig anzudeuten: Weiter so, Leben hier muss weitergehen.
Es ist der Tag des Zweieressens. Die Alten, die das bestimmt schon seit Jahren tun. Die ganz Jungen, die dieses Ritual gerade für sich entdecken und die es sich auch gerade erst leisten können. Dazu lebenstüchtige Frauen mit weißen Locken und ihre patenten Töchter oder liebevollen Söhne, die inzwischen aussehen wie Schränke, aber immer noch ein wenig stolz sind, ihre Mama zum Essen einladen zu können. Dazwischen Paare, die jetzt in dem guten Stadium sind, zu wissen: Das ist was mit Zukunft.
Eigentlich hatte die schlanke Blonde nur einen Latte Macchiato bestellt. Ihr Gegenüber, noch größer als sie, aber mit diesem Gesicht, wo man nun einmal automatisch denkt: Teddy, hat auf seinen Bauch gehört, darum steht ein großer Eisbecher vor ihm. Sie guckt kurz auf die weiße Süßigkeit mit der dunklen Soße, da schiebt er den Becher schon in die Mitte des Tisches. Und beide lächeln. Das wird halten. Man wünscht es ihnen, man wünscht ihnen, dass es bei ihnen und bei dem jungen Paar so sein wird wie bei Helmut und Loki Schmidt. Forever.
Helmut Schmidt kommt übrigens aus Barmbek. Lotto King Karl auch, aber der ist wahrscheinlich nicht das Vorbild fürs Privatleben, man weiß es nicht. Was sie eint, ist aber wohl eine gewisse Schnörkellosigkeit, die vielleicht sowieso typisch Hamburg, bestimmt aber typisch Barmbek ist. Da hat man eben nicht viel übrig für Show, sollte sie sich nun in komplizierten Esstechniken, ausgefeilten Dresscodes oder in von überflüssigen Blackberry-Signalen unterbrochenen Gesprächen zeigen. Das Leben ist verwickelt genug, da muss man es nicht noch mit pseudosubtilen Knoten verkomplizieren. Ein Ja ist ein Ja und hat noch nicht einmal eine minimale Schnittmenge mit einem Nein, und „Ich will“ heißt „ja“ und nicht „vielleicht aber auch...“.
Diese Einstellung scheint sie zu einen, all die, die hier im ersten Stock sitzen, mitunter einen Blick auf die Fuhlsbüttler Straße schicken, die aber genau so da liegt, wie sie es soll, weil es ihr Job ist, das so zu tun. Die U2 fährt regelmäßig vorbei, und man würde seine Hand dafür ins Feuer legen, dass sie immer pünktlich ist, und alle Menschen genau dahin bringt, wo sie hin wollen, aber dieser Glaube liegt vielleicht an der Tatsache, dass Sonntag ist, und der Sonntag ist nun einmal nach wie vor dafür prädestiniert, an das Gute in allem zu glauben.
Das ältere Paar ist fertig. Er zieht die Windjacke an, nimmt den Stock und sagt den Kellnerinnen „Tschüss“, seine Frau ganz dicht neben ihm, den Schirm mit dem Leopardenmuster fest in der Hand. Sie wird den Schirm über ihn halten, das ist ganz klar. Und so soll das auch sein und hier in Barmbek ist das eben so und wird es auch bleiben. Genauso wie die Tatsache, dass man an manche Orte geht, um Menschen zu beeindrucken. Und an manche, weil man einfach eine gute Zeit mit ihnen haben will. Letzteres ist die eindeutig angenehmere Variante.
Der Himmel reißt auf, die Eheleute werden doch trockenen Fußes nach Hause kommen. Es wird ein schöner Nachmittag in Barmbek werden, und die Leute hier werden das bestimmt nicht dazu nutzen, in überteuerten Cabrios die Fuhle rauf und runter zu fahren. Sondern sich einfach einen gepflegten, unaufgeregten Sonntag machen. Echt angenehm.
Othmarschen - Das Rendezvous des Jahres.
Ich bin heute ein extrem glücklicher Mensch, denn ich habe ein Date mit einem der unterhaltsamsten Männer der Hansestadt. Er trägt coole Klamotten, hat ohnehin ein tadelloses Äußeres, keinerlei Berührungsängste, ist charmant, aufmerksam, witzig und sehr an den verschiedensten Fragen des Lebens interessiert. Er ist der einzige Mann, der mir sehr gern auf die Schulter kotzen durfte, dem ich es gestatte, mich am Wochenende um sieben Uhr zu wecken und für dessen Wohl ich mir gern den ein oder anderen Finger amputieren lassen würde. Auch wenn ich froh bin, dass dieses Opfer bisher nicht angefragt wurde. Ja, ich kann schon von der ganz großen Liebe meinerseits sprechen. Einer Liebe, die alles durchstehen und niemals enden wird. Heute sind wir zum Essen verabredet. Zwar brauchen wir dafür generell keinen besonderen Grund, aber heute haben wir einen: Morgen ist für ihn einer der wichtigsten Tage seines bisherigen Lebens, vielleicht der allerwichtigste, denn ab morgen gehört er zu den Großen – mein Neffe wird eingeschult.
Ich bin sehr gespalten, was dieses Ereignis betrifft. Auf die Schulanfang-Glückwunschkarte hätte ich am liebsten geschrieben: „Geh da so selten wie möglich hin, die wollen dich nur brechen, bleib der Supertyp, der du bist, und wenn es in vierzig Jahren mal finanziell eng werden sollte: Wir kriegen das schon hin.“ Aber das schreibt man natürlich nicht. Darum habe ich die Karte dann ganz weggelassen; ich belüge meinen Neffen nicht, und ich wünsche ihm nicht Dinge, die sich nicht erfüllen werden, weil wir dann beide traurig sind. Ich lade ihn lieber zum Essen ein, mit der Aussicht, ein letztes Gespräch mit einem kleinen Neffen zu führen, denn ab morgen wäre es damit ja vorbei. Ich bin nicht so ganz im Bilde über die neuesten Ausschläge der Hamburger Bildungspolitik, halte es aber für möglich, dass die Kleinen bereits am zweiten Schultag darauf gedrillt werden, nur noch Chinesisch zu sprechen (weil Zukunft) oder sowieso nicht mehr mit Erwachsenen (weil 68er-Revival).
Wohin geht man mit einem 5,75-Jährigen? Zu dem Besten um die Ecke. Und das ist in unserem Fall das Block House in der Waitzstraße, weil da können wir zu Fuß hin, da gibt es Sachen, die wir beide mögen und die ich bezahlen kann, und da versteinern nicht die Mienen, wenn Menschen auftauchen, die knapp auf Augenhöhe mit der Tischkante sind, sondern da werden die Mal-Sets gezückt und, wie mir mein Neffe schon an der Tür verrät: Da bekommt man eigentlich immer hinterher eine Überraschung geschenkt.
Das Block House in Othmarschen ist vielleicht eines der schönsten. Othmarschen kann einem ja ohnehin leicht gefallen, aber das Restaurant liegt irgendwie besonders gut, die erhöhte Terrasse hat so ein Urlaubsflair, es ist nicht zu groß und nicht zu klein, es ist alles so, wie man es aus den anderen „Blocks“ kennt, aber irgendwie hat es einen mediterranen Touch, um dieses unschöne Wort zum ersten Mal zu schreiben, quasi kleiner Urlaub ohne CO2. Oder so.
Es ist voll. Viele Kinder mit lückenhaften Gebissen sitzen auf der Terrasse, einige im Innenraum, dazu Eltern, Großeltern sowie Geschwister, die diese Hürde des ersten Schultages schon Jahre zuvor genommen haben und jetzt betont lässig in den Polstern hängen. Sie alle studieren die Retrokarte, die anlässlich des 40-jährigen Jubiläums aufgelegt wurde. Bemerkenswert viele der kleinen Schulaspiranten haben aufregungsrote Köpfe, mein Neffe gehört auch dazu. Gefühlt redet er seit einem Monat von nichts anderem als von seinem Eintritt in die Welt der Großen. Und seltsamerweise interessiert mich jede Einzelheit. Wie die Kumpels heißen, die er schon kennt (Ferdinand, Kasper), worauf er sich freut (Sport, Geschichten ausdenken, Ferien), was er schon kann (lesen in diesem Gummibandton, alle Grundrechenarten, aber unterschiedlich weit). Es ist also voll, wir müssten warten, oder: „Wir können uns auch an den Tresen setzen, Tante Kerstin.“. Genau, sagt die junge Servicefrau, die den Jubiläums-Retro-Look der 70er trägt. Mein Neffe geht voran und fragt mich, welchen Platz ich lieber hätte. Er zeigt lässig Manieren, die ich in meinem Alter von Männern nicht mehr selbstverständlich erwarte.
In der offenen Küche werden die Pommes für die ABC-Schützen und die Steaks für die nicht minder aufgeregten Erwachsenen zubereitet. Wie ich hörte, ist gerade das Personal in der Waitzstraße über die Zeiten und Moden unerschütterlich. Krystyna beispielsweise, die wie der gelassenste Tornado der Welt dafür sorgt, dass alle schnell bedient werden, scheint hier schon Schüler von der ersten Klasse bis zum Abitur gebracht zu haben. Einem erfolgreichen Abitur, möchte man meinen. Der Koch legt die Kombination von chirurgischer Präzision und artistischer Geschwindigkeit hin und: lächelt dabei auch noch! In ähnlichem Tempo erzählt mir mein Neffe, was mit den einzelnen Pokemons auf welchem Level passiert, was sich beim Hockey-Training ereignet hat, er fragt mich nach den neuesten Entwicklungen in meinem beruflichen Alltag und nickt wissend dazu, erkundigt sich nach Umzugsplänen und Freunden, die er vor Jahren mal kennen gelernt hat, verweist auf die Geburtstagswünsche seiner kleinen Schwester, gibt Informationen über das Familienleben raus, die ich sonst nie bekommen hätte, füllt inzwischen das Zahlenrätsel auf dem Kinderset aus (was will der in der 1. Klasse? Mit dem Know-how habe ich das Abi bestanden) und sorgt nonchalant dafür, dass ich einen der nettesten Abende des Jahres habe. Erinnerungen inklusive. Plötzlich weiß ich nämlich wieder, wie das war, am ersten Schultag. Wie sich das anfühlte: Sommerferien. Und dieses Beklemmen am verdammten Montag, wenn die Hausaufgaben nicht gemacht waren, ganz zu schweigen von Klausuren und der Frage, wann es endlich auffliegt, dass man von Chemie nicht die Bohne kapiert. Und ich erinnere mich auch, dass man schon damals, wenn etwas ganz Besonderes absolviert worden war oder bevorstand, dahin ging, wo es Steaks gab, wie es sie sonst nie gab.

Mein Kleiner bekommt so einen Dia-Klick-Automat mit Bildern aus der 40-jährigen Geschichte vom Block House. Findet er okay. Vielleicht weil man sieht, dass jeder mal klein angefangen hat. Was mein Neffe werden will, weiß er noch nicht. Aber vorerst reicht es ja auch, wenn wir erst einmal die Herbstferien verplanen, die, wenn ich richtig mitgerechnet habe, in diesem Jahr ungefähr zehn Wochen lang sein werden.
Kurz vor 20 Uhr begleiche ich die kleine Rechnung für einen unbezahlbaren Abend. Mein Neffe muss rechtzeitig ins Bett. Morgen ist erst Gottesdienst, dann Ansprache von der Direktorin, dann erste Unterrichtsstunde. Wir gehen also langsam zurück, mein Neffe nimmt meine Hand, heute noch, heute ist er noch ein Kleiner. Heute heißt es noch: erst das Vergnügen, dann die Arbeit. Keine Ahnung, ob sich mein Neffe später einmal daran erinnern wird, an den Abend vor seiner Einschulung. Ich werde es bestimmt. Klapprig in einem Stuhl sitzen und jedem erzählen, wie das war, damals, als wir an einem warmen Septembertag im Block House in Othmarschen Steak gegessen haben. Ich und der tollste kleine Typ der Welt.
Wandsbek - Die Träume der Jungs.
Wandsbek zählt vielleicht nicht zu den hipsten Orten der Welt. Aber was heißt das schon? Es heißt einfach, dass Wandsbek genauso ist wie 99,999% aller anderen Orte. Das Kriterium „hip“ bedeutet im Grunde gar nichts, außer dass die Mieten hoch sind. Und wie überall auf der Welt, so leben und arbeiten auch in Wandsbek Menschen, die es vielleicht in die Stadtteile schaffen wollen, von denen alle reden, als wären sie das Erde-Synonym für Olymp. Vor allem aber wollen sie auf einen ganz anderen Gipfel. Den, den sie sich selbst ausgesucht haben, und der hat zumeist nichts mit Geographie zu tun. Ein Reihenendhaus in Braunschweig kann genauso ein Olymp sein wie eine Galerie in Barcelona, vier gesunde Kinder und eine tolle Beziehung können genauso ein Olymp sein wie der stärkste Mann der Welt zu sein, ein eigenes Geschäft zu haben kann genauso ein Olymp sein wie einen Karaoke-Wettbewerb zu gewinnen. Und den Menschen möchte ich sehen, der es sich anmaßt zu sagen, das eine sei mehr wert als das andere. Nein, ich möchte ihn lieber nicht sehen.
Wenn man einmal nachts durch die Straßen geht, fallen einem die erleuchteten Fenster besonders auf. So viele Fenster. Und hinter allen, erleuchtet oder nicht, wohnen Menschen, die eines gemeinsam haben: Sie haben Träume, Ziele, Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte, Leidenschaften. Man denkt ja immer, man wäre der einzige Mensch auf der Welt, der unsterblich ist. Aber all diese anderen Menschen gehen auch davon aus. Mit Recht. Würde man davon ausgehen, sowieso nach siebzig Jahren den Löffel abzugeben und drei Jahre später vergessen zu sein, man würde nur noch deprimiert im Bett bleiben und ununterbrochen eurosport gucken. Aber so sind wir nicht. Wir glauben, jeder Einzelne: Gut, bisher war es noch nicht der Fall, aber es gibt immer ein erstes Mal, und schau hin Welt, ich bin der erste Mensch, der unsterblich ist. Und weil das so ist, erarbeitet man sich immer wieder Dinge, die einem diese unendliche Zeit so schön wie möglich machen. Setzt seine individuellen Zeichen. Doch auch wenn man sich mitunter derart überirdisch fühlt, beschleicht einen über kurz oder lang ein ganz profanes Gefühl. Hunger. Und wenn man gerade in seiner persönlichen Euphorie schwimmt, denkt man sich: Für meinen Körper, für diese Karosserie des unendlichen Erfolgs, da doch bitte nur den besten Kraftstoff. Und schon sitzt man wieder im Block House, studiert die Karte, die auf dem gewohnten rot-weiß-karierten Stoffset farblich perfekt liegt, man betrachtet die scharfen Messer, die schon zum Angriff bereit sind, man lässt den Blick durch den Raum schweifen, bleibt an dem Salatbuffet hängen, man entscheidet sich. Denn das gehört zum Gipfelaufstieg, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Die beiden Jungs am Tisch in der Ecke machen es vor. Gleichzeitig antworten sie auf die Frage von Elke: Cola. Womit der Grundstein schon einmal gelegt wäre. Jetzt werden sie ihr kulinarisches Haus darauf bauen. Die Jungs sind keine zwanzig, sie haben beide schwere Segeltuchtaschen dabei und behalten ihre Caps auch am Tisch auf. Kann sein, dass sie vom Sport kommen, kann sein, dass sie ausreißen wollen, kann sein, dass sie schon ausgerissen und hier angekommen sind. Sie haben dieses Rebellengrinsen, und auch wenn sie die Karte zurzeit wohl primär danach beurteilen müssen, was sie sich locker leisten können, prophezeit man ihnen automatisch eine coole Zukunft. Denn sonst würden sie nicht hier sitzen, sondern irgendwo draußen stehen und ihr Essen aus dünnem Papier auswickeln. Noch jünger sind hier im Moment nur die beiden Kinder, die mit ihrem Vater am Fenster sitzen. Das Mädchen hat eine Cleverness im Gesicht, wie sie wohl nur 8-jährige tragen können und man es irgendwie reizend findet. Der Junge ist vielleicht fünf, er hat diese großen Kinderaugen, die bereit sind, sich alle Überraschungen, die die Welt zu bieten hat, staubsaugermäßig einzusaugen. Auf dem Rücken seines kurzärmeligen Hemdes steht „Underconstruction“, so kann man es natürlich auch ausdrücken. Der smarte Papa, dem man schon an den Fingernägeln anzusehen meint, dass er die Welt lieber fein gestaltet als sie zu zertrümmern, gibt ihnen Tipps, wie man das Kinder-Set am besten ausmalt und das Rätsel löst. Sie schauen ihn dann an, fragen kurz nach, damit sie es auch wirklich genau so tun, wie er es empfiehlt, denn wenn nichts feststeht auf der Welt, dann doch eines: Papa ist der Größte und weiß alles, und so wollen sie auch mal werden oder so einen heiraten.
Ich weiß nichts von Vuong. Geschweige denn, dass ich seinen Vater kenne, eine Ahnung von seiner Kindheit hätte, einen Schimmer davon, wie er zu seinem Job im Wandsbeker Block House gekommen ist. Er ist 22, das weiß ich. Mehr nicht. Er ist so schlank und schnell, wie man es sein muss, wenn man sich wie Keanu Reeves vor den Kugeln in „Matrix“ wegducken will. Geht es nun darum, jemandem etwas an den Tisch zu bringen, sich nach Wünschen zu erkundigen oder eben all das andere zu tun, was hier seine Aufgabe ist. Er ist immer genau da zu Stelle, wo man ihn gern hätte, und es erscheint nicht unwahrscheinlich, dass er die Paprika, die oberhalb des leuchtenden Salatbuffets liegen, auf den Millimeter so gedreht hat, dass sie ein perfektes Bild abgeben. Woher er kommt? Wohin er geht? Was sein Traum ist? Man denkt an die Geschichte vom Tellerwäscher. Es gibt die Möglichkeit. Vuong hat sie, das Schulmädchen hat sie, ihr kleiner Bruder hat sie, auch die beiden Männer, die mit ihren Apple-Books und den Moleskine-Notizbüchern unterm Arm herein kommen, haben sie auf ihre Art. Vuong kann die ganz klassische Geschichte schreiben. Die beiden Männer gehen den Akademiker-Weg. Für sie ist es hier ein Zwischenstopp, Übergang von der Tages- zur Abendschicht. Sie tragen diese militärakkuraten Frisuren, die einen noch schnittiger machen, wenn man sich durch die dünne Luft bis auf den Gipfel des Erfolgs kämpft. Ihre dunklen Anzüge, ihre etwas zu lauten Stimmen, alles sagt: großes Projekt, wichtiges Projekt, vielleicht entscheidendes Projekt, bald ist da, wo wir sind, oben. Mag sein. Elke geht an den Tisch, serviert die beiden Teller und sagt mit ihrer rauen Stimme: Jetzt aber mal kurz Schluss mit Arbeit. Und die beiden Männer schauen sie an und grinsen, als wären sie von ihrer Mutter beim Äpfel klauen erwischt worden; doch im Gegensatz zu damals werden sie heute nicht mehr bestraft, ganz im Gegenteil.
Vuong bedient derweil – in seinem weißen Hemd mit den roten Linien, der beigen Schürze und der schwarzen Kellnerbörse, die ein wenig aussieht wie ein Revolvergürtel – den Mann mit dem sorgfältig gescheitelten silbernen Haar, der mit seiner Frau und seiner mehr als erwachsenen Tochter da ist. Der Mann sieht zufrieden aus. Von allen Gästen sieht er eigentlich am zufriedensten aus, zufriedensten mit sich und der Welt. Und er lächelt Vuong auf die Art an, die heißen kann: Schön, dass Sie uns so nett bedienen. Sie könnte aber auch heißen: Weiter so, Freund, du bist noch ganz am Anfang der Straße – und die größte Überraschung wird sein, wenn du fast am Ende stehst und merkst, dass jeder angebliche Umweg dich nur stärker für deinen Weg gemacht hat.
Die Autos auf der Schlossstraße halten an der Ampel. Gleich werden sie wieder beschleunigen, den Weg fortsetzen, nach Hause, zu einem Termin, raus aus der Stadt – auf jeden Fall zu einer Etappe, vielleicht noch weiter. Vuong holt an der Bar ein Bier ab, schnappt sich ein Tablett, so fix, dass er schon einen Meter weiter ist, bevor das eine auf dem anderen steht. So schnell wie möglich ans Ziel...
Nein, Wandsbek ist nicht der hipste Ort der Welt. Aber hier wird genauso geträumt wie in 100% des Restes der Welt. Und um seine Träume zu verwirklichen, ist ein Steak ein guter Anfang. Ob man es nun isst oder serviert.
Gänsemarkt - Der Sommer der Sieger.
Sportlich sind wir in diesem Jahr ja so gut versorgt wie Wunschkinder mit Stofftieren. Quer durch den Kalender und die Sender: höher, schneller, weiter, Rekorde, ein Mal mehr treffen, Hymnen, enthusiastische Moderatoren – wir schauen gebannt den Athleten zu, lassen den Abwasch stehen und bejubeln fremde Erfolge. Entsprechend reißen sich die Städte der Welt darum, Sportveranstaltungen auszutragen. Sie hübschen sich auf und verleugnen alles, was sie leider auch sind, nur um vor der Krönung der Könige und Königinnen des Rennens und Werfens Bilder von der schönen Landschaft der Region zu zeigen. Also wegen des Geldes. Nun gut. Wenn ich einen 100-Meter-Lauf organisieren sollte, der gleichzeitig einladende Hamburg-Bilder in die Städte der Welt sendet, dann würde ich ihn am Jungfernstieg stattfinden lassen. In zehn Sekunden vorbei an der Binnenalster, mit dieser Fontäne, die zu sagen scheint: Wir könnten es da auch Goldstücke rausregnen lassen, wir haben sie nämlich. Sicher gibt es noch schönere Ecken, auch subtilere Impressionen, die von der Großartigkeit Hamburgs zeugen. Aber einmal über den Jungfernstieg gejagt, dann weiß auch der letzte Zuschauer: altes Geld, erste Klasse. Dann würde ich die Szene noch einmal von der gegenüberliegenden Seite aufnehmen lassen, also mit Blick auf die Geschäfte, dann wüsste der letzte Zuschauer zudem: Erstklassige Möglichkeiten, das Geld loszuwerden, sind ebenfalls vorhanden. Ein weiterer Vorteil dieser Strecke: Beim Austrudeln landen die Sportler am Gänsemarkt. Und wenn sie noch Puste für die Treppe haben, gelangen sie in den ersten Stock der Gänsemarkt-Passagen. Und wenn sie keine Puste mehr haben, nehmen sie die Rolltreppe. Und da oben bestellen sie sich ein schönes Rumpsteak und extra Brot und ein paar Liter Cola.
Jetzt im Moment sitzen hier keine Sportler. Jedenfalls keine, die ich aus Slow-Mos kennen würde. Die einzige, der ich es zutrauen würde, dass sie sportlich ganz weit vorn ist, ist Anja. Sie bewegt sich unglaublich schnell durch ihren Bereich, handelt fünf Teller gleichzeitig und hat dabei die ganze Zeit dieses bescheidene Sieger-Lächeln, das man von Marion Jones kannte, vor diesem Doping-Zeug. Anja ist ganz sicher nicht gedopt, die kann es einfach. Und natürlich behandelt sie alle gleich. Das ist überhaupt das Faszinierende, es ist so eine gleiche Atmosphäre hier, so harmonisch, freundlich. Im alltäglichen Leben ist es inzwischen schon nahezu ein Zeichen ausgesuchter Höflichkeit, wenn man zu seinem Nachbarn mal „Morgen“ sagt. „Guten Morgen“ sagt nur der Typ, der gleich danach fragt, ob man nicht ein bisschen Kleingeld für ihn hat. Hier also ist alles nett und sanft, wie ein gleichzeitig kühlendes und wärmendes Leinentuch in einer Sommernacht. Und nicht so ein verklumptes Alltagsfederbett, das immer aus den Ecken rutscht und sich am Fußende zum Wintersporthügel beult. Also, neben mir sitzen diese beiden Mädchen, die nie in ihrem Leben 100-Meter-Läufe machen würden, es sei denn auf einem Catwalk. Sie haben beide dunkelblonde Haare und Pferdeschwänze, was eigentlich eine sehr schöne Frisur ist. Die eine trägt ein weißes Oberteil und einen geblümten Rock, geblümte Textilien für Frauen sind eigentlich auch eine sehr schöne Idee. Die andere trägt Schwarz, was wohl wieder im Kommen ist, auch das ist schön anzusehen. Die Geblümte hat sich für einen Salat mit Putenfleisch entschieden, was wundervoll zu ihrem Rock passt. Die Andere bestellt sehr viel Gemüse, was wiederum ein sehr schönes Spiel mit dem Schwarz darstellt. Ich weiß nicht, ob das typisch Hamburg ist, aber ich habe das Gefühl, die Frauen hier wissen, welches Essen ihnen einfach steht. Und das bestellen sie dann auch. Beide trinken Mineralwasser, auch das eine gute Wahl, finde ich. Es sieht alles sehr rein und ordentlich aus, und wenn man nicht die vier Einkaufstüten sehen würde, würde man als Frau wohl denken: ideale Schwiegertöchter. So denkt man: könnte teuer für den Sohnemann werden. Sie unterhalten sich über Fernsehserien, unbeantwortete sms, darüber, dass man während der Probezeit ja jederzeit kündigen kann. Hinter ihnen, jenseits des Fensters, leuchten die Reklamen für Rolex, Marriott, Omen und vom Leihhaus. Sie sollten es sich überlegen, das mit der Probezeit, aufgeben immer erst nach dem Wettkampf, denke ich, und Anja könnte ihnen bestimmt auch zwei Takte dazu sagen, wie das so ist, mit dem Unterschied zwischen einem Mädchen- und einem Sportlerleben. Aber Anja arbeitet weiter, und ich halte die Klappe. Denn jetzt kommen SIE. Die Vier. Es sind Männer. Nicht diese Roter-Teppich-Gestylten. Nicht diese Jüngelchen mit Gel im vollen Haar, die dir das Handy erklären und sogar verkaufen könnten. Nicht diese „Ich bin der sehr späte Peter Handke“-Typen. Sondern Männer. Drei sind so Ende fünfzig und der Vierte auch, nur optisch zwanzig Jahre jünger. Er ist der Nachfolger, das hoffnungsvolle Talent. Die drei Älteren sind seine Paten, seine mentalen Väter. Und was für welche. Sie sehen aus wie die drei Brüder von Red Adair, haben aber gleichzeitig die unerbittliche Schärfe im Blick, wie ich sie Diamantenhändlern zuordnen würde. Wahrscheinlich sitzen sie in klimatisierten Büros mit erstklassigem Ausblick auf die Alster-Fontäne und Fotos von der Familie auf dem schwarzen Schreibtisch und setzen die Ölpreise fest. Ja, ich glaube, das könnten die vier Männer sein, die genau das tun. Sie haben kurz geschorene, graue Haare, tragen alle drei schmale Brillen mit randlosen, dünnen Gläsern und schwarzen Bügeln, dazu schwach gestreifte Hemden, die beiden oberen Knöpfe geöffnet, Anzughosen und sehr schwere, sehr große, sehr schwarze Schuhe. An den Handgelenken diese massiven Uhren, die das Bild abrunden: Selfmade-Millionäre, gewiefte Tycoone, wortkarge Oligarchen, die Clubs kaufen, und die man nie vor einer blöden Kamera Hymnen singen sehen würde. Männer, für die nur zwei Schönheitsideale gelten: Erfolg und Stärke. Männer, die schon in der Steinzeit nicht lange gefackelt, sondern den Mammut einfach umgehauen und ihn dann gewinnbringend verscherbelt hatten. Der Junge vielleicht nicht, der Junge lernt noch, er ist noch im Training, er hat schon die Technik, aber noch nicht das Charisma. Aber er wird es schaffen. Woran man das erkennt? Sie bestellen. Alle vier das für sie einzig Mögliche. Das ganz große Ding. Anja fragt in der Küche nach, kommt schnell zurück und sagt: Ja, gerne, 4 mal 600er, okay? Die Männer nicken. Es gibt die Zeit zu reden, und es gibt die Zeit, zu nicken. Kurz darauf kommen sie. Die beeindruckendsten Steaks, die ich je gesehen habe. In vierfacher Ausführung. Umspült von einer glänzenden Pommes-Welle, Windstärke 5 bis 6. Und das Werkzeug dazu. Man sieht, man riecht den Unterschied: Wir sind Essende, das sind Esser. Wir sind in der Probezeit, im Vorlauf des Essens. Sie sind in der Chefetage, im Finale des Essens. Während sie das Fleisch gelassen besiegen, reden die Männer nicht viel, nur der Junge macht ab und zu eine Bemerkung, und ab und zu schaut dann einer der Älteren auf, gibt einen Kommentar ab oder guckt nur wohlwollend.
Die beiden jungen Frauen verlassen lachend das Restaurant. Einer der Red Adair-Brüder schaut ihnen kurz hinterher, die Gabel verharrt in der Zeit reglos in der Luft, zwanzig Zentimeter über dem Prime-Rib-Steak. Dann wird weiter gearbeitet. Und es ist dieser Moment, in dem ich etwas lerne, oder auch nur eine Binsenweisheit erkenne: Wir sind alle Sportler. Wir treten lediglich in unterschiedlichen Disziplinen an. Die eine sieht vielleicht spektakulärer aus als eine andere. Aber wir wollen alle irgendwo und irgendwann ganz oben sein. Und es steht immer eins vor dem Sieg: das richtige, angemessene Training. Und auch das sieht für jeden, je nach Disziplin (Sprinten, Geld machen, Shoppen, Liebe, Hundeausstellungen), anders aus. Aber wir Sportler, wir nehmen den Kampf auf. Überall, jeden Tag, in diesem Sommer und quer durch den ganzen Kalender.
Kirchenallee - Unterwegs.
Bahnhöfe, dachte sie, sind eigentlich kurz davor, hoffnungslos antiquiert zu sein. Da mögen die ICEs noch so futuristisch aussehen. Bahnhöfe, vor allem die, die in so alten Kleidern wie der Hamburger stecken, sind wie alte Männer. Sie haben noch ihre Berechtigung, wissen aber eigentlich, dass ihre große Zeit abgelaufen ist, und darüber hinweg retten sie sich mit Charme und Chuzpe, Erfahrung und Stoizismus. Wenn jemand mit dem Zug fährt, dachte sie weiter, wenn sich jemand die Mühe macht, einen Zug zu nehmen, dann will er wirklich jemanden sehen. Mails, Telefon, Handy, Web-Cams, das waren die modernen, die einsamen Formen der Kommunikation. Aber manchmal, ja manchmal gab es noch diese Situationen, da musste man jemandem in die Augen schauen können, ohne dass dazwischen eine elektronische Schaltung war. Aber auch dafür nutzten die meisten Menschen inzwischen ihre eigenen Autos, in denen sie allein saßen. Oder sie flogen, weil es schneller war. Kein Mensch wollte mehr warten, jeder Mensch wusste, man wurde vielleicht älter als es durchschnittlich vor fünfzig Jahren noch der Fall gewesen war, aber trotzdem war immer weniger Zeit verfügbar, denn Zeit war nur das, was gefüllt war, Zeit, die man lediglich mit Denken oder Träumen verbrachte, war keine Zeit, sondern Verschwendung. Zugfahrten dauerten zu lange und es waren zu viele Menschen dabei. Und – denn sie hatte es bemerkt, als sie vor zwanzig Minuten auf Gleis 8 angekommen war – wann hatte das aufgehört, dass sich die Menschen vom Zug abholten? Eltern, ja, die taten das noch, aber sonst jemand? Man verabredete sich lieber in Cafés oder Restaurants, die in der Nähe lagen, und wo die Unpünktlichkeit des Ankommenden oder Abholenden erträglich war. Man stand nicht mehr herum, man war beschäftigt, auf dem Weg zu einem höheren Ziel als einem, das einem die Deutsche Bahn anliefern konnte. Sie jedenfalls hatten sich in dem Restaurant mit dem markanten roten Schriftzug und den gleichfarbigen, sommerlichen und schützenden Markisen gleich gegenüber des Bahnhofs verabredet; keine Chance, sich zu verpassen.
Sie lehnte sich auf der Terrasse in ihren gepolsterten Korbstuhl zurück, schob die Sonnenbrille hoch, in die halblangen, dunklen Haare und schaute auf die Kirchenallee. Fünfzehn Jahre. Fünfzehn Jahre hatte sie ihn nicht gesehen, vor fünfzehn Jahren hatte sie diese Stadt verlassen, ohne jemandem etwas zu sagen, sie hatte es ja selbst erst drei Tage vorher gewusst. Als sie Hamburg verließ, hatte es auf diese Weise geregnet, die einem dem Abschied leichter machte. Merkwürdig eigentlich, alle liebten an Hamburg das Wasser, nur wenn es von oben kam, dann war es ungemütlich, schmuddelig. An diesem Tag vor fünfzehn Jahren nahm sie den Regen als die Abschiedstränen, die sie nicht weinte, weil sie noch immer viel zu wütend war. Auf ihn und eigentlich auf ganz Hamburg, diese Stadt, in der für sie nichts mehr zu finden war, nachdem er jemand anderen für sich entdeckt hatte.
Heute regnete es nicht, es war ein warmer Sommertag, einer, den man Hamburg gar nicht zutraute, auch wenn er in den Prospekten so abgebildet war, man vermutete dann immer, ein Fotograf hätte diese einzelne Sonnenstunde, die es pro Monat gab, genutzt, um auf den Auslöser zu drücken. Und danach das Bild noch mit den üblichen Programmen bearbeitet. Sie wusste, dass es anders war. Wenn sie an Hamburg gedacht hatte, während der letzten fünfzehn Jahre (und gerade während der ersten beiden Jahre war das häufig der Fall gewesen, sie hatte nachts in ihrem braunen St.-Pauli-T-Shirt in diesem lausigen Bett gelegen, irgendwo, es waren immer lausige Betten, und beinahe jede Nacht hatte sie an Hamburg gedacht), wenn sie also an die Stadt dachte, in der sie, Rekord, sieben Jahre am Stück verbracht hatte, dann waren das fast nur Sonnentage und ein paar sehr schöne Regentage gewesen. Sie hatte an sich gedacht und an ihn, und immer hatte es in diesen Gedanken nach Hafen gerochen, es waren sentimentale Kaschmir-Bilder gewesen. Filmbilder, die das Ende ihrer Hamburg-Liaison nicht zeigten. Nach zwei Jahren war es besser geworden, die Betten waren besser geworden, und irgendwann war das St.-Pauli-T-Shirt verloren gegangen, und an ihn hatte sie immer seltener gedacht. Wenn man sucht, dann ist es nicht hilfreich, sich an das zu erinnern, woran man gescheitert ist.
Jetzt am Tag sah St. Georg aus wie irgendein anderer Stadtteil auch. Die Menschen gingen ihrer Wege, sie kauften ein, sie saßen herum, sie schleppten sich mit Tüten ab oder schienen sich verlaufen zu haben. Sie hatte gehört, dass St. Georg jetzt als angesagt galt, dass man die Wohnungen kaufen und in Cafés fünfzehn Varianten von Kaffee bestellen konnte, dass hier Clubs waren, in die auch brave Mädchen gingen. Zu ihrer Zeit war das anders gewesen. Da waren die Freier auf der Suche nach einer billigen Nummer, die Junkies auf der Suche nach einem billigen Schuss oder irgendwann nach überhaupt einem Schuss, selbst der Bus schien zu beschleunigen, wenn er durch die Lange Reihe fuhr. Vorbei. St. Georg hatte ein neues Gesicht dringend gebraucht, damit es überhaupt noch von jemandem angeschaut wurde, und es hatte anscheinend eines gefunden, glückliches St. Georg.
Die Kellnerin kam an ihren Tisch, und sie war so jung wie sie selbst damals, als hier alles angefangen hatte, und sie spürte, wie sie dieser Sonja am liebsten erzählt hätte, wie das damals war, und wie das heute war, fünfzehn Jahre später, und sie merkte gerade noch rechtzeitig, dass das nicht ging, dass das ganz unmöglich war, so etwas machten alte Frauen, aber so alt war sie noch nicht, und sie würde nicht heute anfangen, sich alt und merkwürdig aufzuführen. Nur weil sie etwas nervös war, wie es gleich werden würde. Gleich, wenn er käme, nach fünfzehn Jahren. Sie wusste nicht, wie er aussah. Sie hatten sich letzten Monat gemailt, aber keine Fotos geschickt. Die ganzen Jahre hatte sie immer nur das alte Bild von ihm, wie er damals aussah. Und anfangs hatte sie ein Foto in ihrem Portemonnaie gehabt, überall auf der Welt, überall, wo sie fotografiert hatte, es war immer dünner geworden, und dann war ihr das Portemonnaie in Kapstadt geklaut worden. (Zu den anderen Männern hatte sie gesagt, es sei ihr Bruder, und manche hatten gesagt: Ihr seht euch ähnlich. Dann hatte sie genickt.)
Er stand vor ihr. Pünktlich. Immerhin hatte er sie erkannt. Sie schaute zu ihm hoch. Das war immer noch er. Auf eine beruhigende und beängstigende Weise war das immer noch er. Und sie schaute kurz auf ihre Hände und überlegte, wie sie ihn begrüßen sollte. Sah kurz auf diese Hände, die anders aussahen, als vor fünfzehn Jahren. Auf die Hände, die die ganze Zeit versucht hatten, mit einer Kamera den perfekten Moment einzufangen. Die ganze Zeit hatte sie gedacht, sie hätte nur gesucht, aber es nicht geschafft. Und sie dachte: Immerhin habe ich fünfzehn Jahre Laufen durchgehalten. Sie schaute kurz zum Bahnhof und dann wieder zu ihm. So viele Ziele. Und keines kam auf einen zu. Man musste sie alle suchen. Man musste die ganze Zeit weiterlaufen. Und die Ziele änderten sich. Zum Glück taten sie das. Sie lächelte ihn an.
Eppendorf - Angesagt.
Ein betörender Dialog in der Hoheluftchaussee, vorgetragen hinter zwei Speisekarten: „Ich kann mich nicht entscheiden.“ „Zwischen was?“ „Zwischen allem.“ „Na dann weiß ich auch nicht.“
Ein Mann und eine Frau sitzen an einem Zweiertisch mit Blick auf die Straße, die zu vielen Zielen führt. Sie sieht aus wie eine dieser Studentinnen, die sich gern für Kunstgeschichte eingeschrieben hätten, dann aber doch Juraden Vorzug gegeben haben, auch damit die Eltern beruhigt sind. Er würde gern in einem spartanischen Boot um die Welt segeln, bringt jedoch derzeit das BWL-Studium zu Ende, um dann bei Papa im Unternehmen Praxis zu lernen, nicht von der Pike auf, sondern etwas höher, immerhin kennt er den Laden seit quasi 28 Jahren. Sie sind nett anzusehen, sie sitzen im Block House in Eppendorf, dem Bezirk, in dem sie wohl auch wohnen, sie haben gute Manieren, so hören sie nicht iPod, sondern unterhalten sich, und irgendwann bestellen sie dann auch: er das gute Tenderloin, sie das Saison-Angebot, Pilze mit vielem anderem dazu. Man sieht die Frau an, und denkt sich: Richtig hat sie es gemacht. In einer Welt, in der sich bildhübsche Asiatinnen operieren lassen, um möglichst westeuropäisch auszusehen, in einer Welt, in der man irgendwo über einer Einkaufsstraße abgeworfen werden könnte, und – wenn man sich nur die Geschäfte ansehen dürfte – keine Ahnung hätte, in welchem Land man überhaupt gelandet ist, weil inzwischen das Angebot überall gleich ist, in einer Welt, in der deutsche Jungs überwiegend englische Vornamen haben und Mädchen wie Metropolen oder Früchte heißen, in einer Welt also, die sich immer offener gibt, dabei aber immer nur gleichförmiger wird, in so einer Welt sollte man unbedingt die wenigen Ausnahmen, die es noch gibt, kosten und, wenn es geht, genießen.
Es ist nichts einzuwenden gegen Ordnung, Konstanz, Rituale. Ganz sicher nicht. Aber ab und zu muss was anderes her. Mode beispielsweise lebt davon. In dieser Saison kommt man daher an der Farbe Weiß nicht vorbei. Und so fahren plötzlich wieder weiße Autos auf der Straße, Menschen tragen zu legeren Anlässen weiße Hemden, es gibt weiße Kaffeemaschinen und so weiter. Nur bei Jeans, da funktioniert es nicht so recht. Seit längerem schon werden weiße Jeans beschworen, aber: sieht man kaum. Der Klassiker gewinnt gegen die Schreie der Fashion-Magazine. 501, Lacoste-Hemd, Barbour-Jacke, das kleine Schwarze – sie sind einfach nicht totzukriegen. Die weiße Jeans hingegen liegt weiter im Brutkasten und wird von den Experten besorgt beobachtet.
Mit Stadtteilen ist das ähnlich. New York ist wohl das Paradebeispiel für wechselnde In-Bezirke, aber auch in Berlin wird geraunt. Im Moment: Neukölln. Doch es ist noch nicht raus, ob es nicht die weiße Jeans der Hip-Adressen bleibt. Die Barbour-Jacke Hamburgs hingegen ist meiner Meinung nach Eppendorf. Eppendorf, Isestraße 13, das wäre die Adresse, die ich spontan nennen würde, wenn ich mich in Hamburg für einen Klassiker entscheiden sollte. Ohne zu wissen, was für ein Haus das ist, was für Wohnungen es da gibt. Die Isestraße sieht aus, als hätte sich seit fünfzig Jahren hier nichts getan. Da stehen immer noch rote Alfa Spiders, da fährt nach wie vor die U-Bahn fünf Meter vor den Altbauten, da schleppt sich der Kanal dahin, als wären Erderwärmung und Flatratesaufen Vokabeln aus einer Welt, die so weit entfernt ist wie der Mars. Mit Eppendorf also kann man auf Dauer nichts verkehrt machen. Darum geht es, man weiß, was man zu erwarten hat, und das bekommt man dann auch. Aber bei Menschen ist es eben doch noch einmal eine andere Sache. Ganz unvermittelt bricht aus uns etwas heraus, das eigentlich gar nicht zu uns zu passen scheint. Vielleicht ist es der kleine, nicht totzukriegende Rebell in uns, vielleicht die Angst, dass das jetzt die nächsten vierzig Jahre so weitergehen könnte, vielleicht auch einfach eine Sache dieser undurchschaubaren Hormongeschichten, die uns immer wieder mal dazu treiben, Dinge zu tun, zu kaufen oder uns zumindest vorzunehmen, von denen wir im Vornherein wissen, dass sie zu nichts führen und entweder im Schrank für „Fehlinvestitionen“ oder in der Hirnschublade des schlechten Gewissens oder der überflüssigen Erfahrung landen. Warum auch immer, wir können nicht von den kleinen Ausbrüchen lassen. Wagen das Besondere. Kaufen mal eben eine fernöstliche Samthose, tanzen durch bis morgens um sechs oder bestellen in einem auf Steaks spezialisierten Restaurant die Pilze der Saison. Und daran erinnern wir uns dann (amüsiert oder frustriert), wenn wir wieder in unserer Altbauwohnung in der Isestraße 13 sitzen. Nächstes Wochenende tragen wir mit ziemlicher Sicherheit wieder die 501, wir bestellen wie gewohnt das klassische Steak und gehen vernünftigerweise um eins ins Bett. Nicht weil das andere nicht gut gewesen wäre. Sondern weil es eine Zeit für Klassiker und eine Zeit für verführerische Ausreißer gibt. Und genau so muss das sein. Man braucht die Wurzeln, die einen halten, und ab und an braucht man diesen kleinen Kick, der einem zeigt, dass man auch die ganze große Welle reiten könnte. Wenn man wollte. Um dann festzustellen: So ist es doch eigentlich am besten. In Eppendorf und überall da, wo man sich einfach gut fühlt.
Nachtrag: Drei Tische weiter sitzt ein Paar mit zwei kleinen Kindern. Für das eine ist es offensichtlich die zweite Saison ohne Zähne, für das andere die erste Saison überhaupt. Das Schulkind bestellt den Klassiker Pommes Fritz. Das Baby entscheidet sich für den Klassiker Mamas Brust. Das Ehepaar probiert nach dem Steak die neuen Nachtische aus, die in kleinen Gläsern serviert werden. Und das ist natürlich das Größte: ganz vorn beim neuen Trend dabei sein – und gleichzeitig die Geburt eines Klassikers erleben.
Geschichten aus Berlin
Block House am Alexanderplatz / Karl-Liebknecht-Straße 7
Im Block House am Alexanderplatz war ich neulich Zeuge, wie zwölf zwölfjährige Mädchen zwölf Steaks aufaßen. Medium gebraten. Aber alles der Reihe nach.  Meine Tochter Nicole hat am 15. September Geburtstag, sie ist im  Sternzeichen Jungfrau geboren. Dies sei für Mädchen ein sehr gutes Sternzeichen, meinte meine Frau, als sie die Tochter auf die Welt brachte. Sie werden als Erwachsene ausgeglichen und selbstbewusst. Für die Jungs sei Jungfrau als Sternzeichen nicht so gut, sie geraten dann launisch und werden oft Alkoholiker. Zum Glück ist unser Sohn Sebastian im  Sternzeichen Stier geboren, er ist im Mai auf die Welt gekommen.

Aber wir sind jetzt vom Thema abgekommen, fahren wir fort.  "Du gehst ja sowieso ins Block House" sagte meine Tochter zu mir, "das ist mein Lieblingsrestaurant - und ich habe gerade Geburtstag. Alles passt gut zusammen, also lass uns meinen Geburtstag ins Block House verlegen". Dabei wollte sie ursprünglich mit ihren 11 Freundinnen im Bowlingcenter Geburtstag feiern.  "Wir schaffen beides", meinte Nicole selbstbewusst und ausgeglichen (wegen ihres Sternzeichens natürlich), "das Bowlingcenter ist doch beim Alexanderplatz gleich um die Ecke". Anfangs wehrte ich mich. Das ist zu viel des Guten, Liebling, sagte ich zu meiner Tochter. Du hast elf Mädchen eingeladen, dazu kommen noch drei Jungs, die dein Bruder zu deinem Geburtstag eingeladen hat, weil er mit Mädchen aus Prinzip nicht Bowlen kann. Zwölf Mädchen und vier Jungs, das macht zusammen gefühlte 30 Kids. So viele Kinder passen in kein Restaurant.  "Aber ins Block House passen wir schon“, behauptete meine Tochter. Lange Rede, kurzer Sinn, sie hat mich überredet (ich bin im Sternzeichen Krebs geboren. Und wir, Krebse, streiten ungern).

Am 15.9. fuhr ich zuerst mit den Mädchen zum Bowlingcenter, während meine Frau die Jungs von der Grundschule abholte. Das Alter – 12 Jahre – ist kompliziert, aber lustig (welches Alter ist das nicht?)  Einerseits ist die 12 zweistellig, also beinahe erwachsen, andererseits aber noch völlig kindisch. Quatsch und Tratsch sind angesagt. Unterwegs zum Bowlingcenter führten wir ein Salongespräch über die vergangenen Sommerferien, die Mädchen erzählten von ihrem Urlaub. Helena (ihr Papa ist Rechtsanwalt) war in  Salzburg, die Familie wanderte auf den Spuren von Mozart. Mari (ihr Papa ist Polizist) verbrachte ihre Ferien in einem Sommerlager auf Usedom. Die meisten Kinder dort kamen aus Cottbus, nun hat sie ein ganzes Cottbus voller Freunde. Miriam (ihr Papa hat einen Copyshop) belegte einen Schnorchelkurs in Kroatien bei Dubrovnik. Sie wurde dabei trotz Taucherbrille von einer jugoslawischen Qualle ins Gesicht gebissen, mit schweren Folgen. Miriam wurde bewusstlos, ertrank beinahe und musste zu einem Arzt gebracht werden.

Die Mädchen konnten durchweg nicht wirklich Bowling spielen, sie schwenkten gewissenhaft die Bälle, doch Treffer schafften nur zwei, das größte und das kleinste Mädchen in der Gruppe. Das größte Mädchen, Mari, fegte die Kegel nacheinander weg, weil sie den Ball kräftig und mit großem Schwung über die Bahn schleuderte. Das kleinste Mädchen, Helena, konnte sehr gut zielen. Die Jungs, die später dazu kamen, spielten auf einer eigenen Bahn und taten, als ob sie die Mädchen nicht sahen. Es ist so, dass neunjährige Schüler und zwölfjährige Schülerinnen einander wenig bis gar nichts zu sagen haben. Im Block House nahmen die Jungs dann ebenfalls an einem eigenen Tisch Platz und bestellten,  ohne lange zu überlegen, alle dasselbe: Western-Teller – kleine Steaks mit viel Pommes und Ketchup, das was die Kinder gerne mögen. Die Mädchen dagegen überlegten lange, sie blätterten die Speisekarte mehrmals durch, bestellten am Ende jedoch auch alle Western-Teller.  Obwohl Montagabend, war das Restaurant bis zum letzten Platz besetzt. Man muss sagen, dass das Block House am Alexanderplatz an einer sehr vorteilhaften Ecke liegt. Mit 160 Plätzen drinnen und 130 draußen. Bei gutem Wetter, wenn es drinnen und draußen voll ist, reicht der Platz auf dem Grill nicht mehr aus, erzählte uns der Chef.

Glücklicherweise hatten wir für den Geburtstag vorher Plätze reserviert. Eine ganze Ecke wurde daraufhin mit Luftballons, Malheften und Konfetti geschmückt. Die Kinder fingen sofort an, einander mit den Luftballons an den Haaren zu reiben, damit die Haare von der statischen Elektrizität aufgeladen werden und abstehen. Dabei schrien sie laut und versuchten, sich gegenseitig die Luftballons weg zu kicken. Den übrigen Besuchern des Restaurants, die neben uns saßen, standen die Haare auch ohne Luftballons zu Berge. Es ist keine leichte Sache, einen Kindergeburtstag an einem öffentlichen Ort zu steuern. Ich wusste aber, wie kinderfreundlich das Block House ist und machte mir keine großen Sorgen. Irgendwie wird sich die Sache schon von alleine schaukeln, dachte ich und bestellte erst einmal einen Rotwein, den französischen. Sofort besserte sich die Lage. Als das Essen kam, legten alle die Luftballons zur Seite und aßen die Western Teller vollständig auf. Danach gingen die Mädchen auf die Toilette. Alle zwölf gleichzeitig. Die Mädchen tun das immer so, erklärte mir mein Sohn. Sie gehen immer zusammen auf die Toilette. Die Jungs gehen einzeln.

Auf mich machen diese heranwachsenden Frauen den Eindruck, als wären sie den Männern überlegen. Sie entwickeln sich schneller, haben bessere Noten, sind in der Regel auch sportlicher als die Jungs, außerdem einen Kopf größer und zehn Kilo schwerer. Sie mögen ihre Steaks Medium rare und gehen zusammen auf die Toilette. Beeindruckend.
Block House am Kudamm / Ecke Adenauer Platz.
Mit großem Appetit habe ich den Auftrag angenommen, zum vierzigsten Jubiläum von Block House mehrere Berliner Steakhäuser aufzusuchen und dort was zu essen, um anschließend darüber zu schreiben. Die Gastronomie hat mich schon immer angezogen, die Dramen und die Komödien des Lebens, die besten Geschichten ereignen sich oft an oder unter den Esstischen. Einmal habe ich sogar mit meiner Frau zusammen ein ganzes Kochbuch verfasst, mit dem Titel "Küche totalitär". Es ging darin um die russische Küche, die aus meiner Sicht in Deutschland unterschätzt wird. Es stimmt, die Russen gehen eigentlich nicht aus, um zu essen, sondern um zu feiern. Deswegen besteht die russische Küche vor allem aus flüssigen Gerichten.
Im Juni sollte ich im Auftrag der Financial Times die besten Kantinen Deutschlands besuchen und anschließend was darüber schreiben. Infolge dieser  Recherche lernte ich etliche Großküchen in diesem Lande kennen - und nahm 3 Kilo zu. Ich müsste mich eigentlich auf Diät setzen. Aber dann kamen schon die „Block Häuser“. Meine Kinder, meine Freunde, meine Frau, alle waren neidisch und wollten mitkommen. Ich teilte sie alle gerecht auf meine vier Restaurantbesuche auf. Unsere erste Adresse war das Block House am Kudamm, Ecke Adenauer Platz.

Wir wohnen im Osten, an der Grenze zwischen Wedding und Prenzlauer Berg, an einem großen Grillplatz, wo früher die berühmte Berliner Mauer stand und heute eine unsichtbare Demarkationslinie verläuft, die West-Griller von den Ost-Grillern trennt. Sie vermischen sich immer noch nicht unter einander. Rechts vor unserem Haus grillen die Türken, links alte Studenten der Humboldt Universität. Der Adenauer Platz ist für uns eine andere Welt. Ich habe deswegen zwei Westberliner eingeladen, außer meiner Frau Olga, kamen mein Freund Helmut und seine Freundin Antonia mit, beide Journalisten. Unsere Kinder, Sebastian (9) und Nicole (12) sollten, so sah es mein Plan vor, mit einer Babysitterin zu Hause bleiben, während wir beruflich Steaks aßen. Als sie mitbekamen, dass wir in ein Block House fahren wollten, kam es zu einer riesigen Quengelei, sie pochten auf ihr Menschenrecht auf Steak und ihr Menschenrecht auf gemeinsames Ausgehen (sie hatten gerade in der Schule eine Projektwoche zum Thema Menschenrechte gehabt). Kurzum, wir mussten die Babysitterin abbestellen und die Kinder mitnehmen.
"Musst Du das Restaurant bewerten? Ich helfe Dir!" versicherte mir mein Sohn. Ihr müsst nichts bewerten, sondern nur essen und loben, erklärte ich den Kindern während der Fahrt dahin. Wir fuhren am Zoo vorbei. Irgendetwas stimmte nicht mit dieser Gegend. So viele Werbetafel, so viel Licht, bunt angezogene Menschen auf der Strasse. Der Taxifahrer, (wir hatten, was für ein Zufall, wieder mal einen Russen erwischt), hielt uns für Touristen, weil ich zu neugierig aus dem Fenster kuckte. Er fragte uns höflich, ob wir geschäftlich in Berlin "zu tun" hätten oder "einfach so" hier wären. Einfach so, sagte ich. Wir wohnen hier. "Einen glücklichen Tag" stand auf Russisch in großen leuchtenden Buchstaben auf einem Laden am Stuttgarter Platz. Das ist ein russischer Lebensmittelladen, erklärte uns der Taxifahrer, 24 Stunden offen. Daneben zeigte er auf ein russisches Restaurant und ein Café.
Die Russen haben anscheinend diesen Teil der Stadt unterwandert. Auch im Block House am Adenauerplatz hörten wir aus allen Ecken unsere Muttersprache. Unsere beiden deutschen Freunde verstanden nicht, was alle diese Leute einander erzählten - wir schon. "In diesem Minirock, sagt er, würde ich wie Madonna aussehen" erzählte eine ältere Dame ihrer Begleiterin. Zwei junge Männer sprachen in der anderen Ecke über die Fußballerfolge von "Zenit" während ihrer Freundinnen gelangweilt auf den Kudamm schauten. "Trifft man bei Ihnen häufig auf Russen?" fragte ich die nette Chefin des Restaurants, die uns empfing und zum Tisch begleitete. Ja, lächelte sie, wir haben in der Tat viele russische Gäste. Dafür haben wir in allen Häusern sogar eine Speisekarte auf Russisch.
Ich rieb mir die Hände. Oft werde ich von den deutschen und ausländischen Journalisten nach speziellen Orten in Berlin gefragt, wo sich die Russen versammeln. Ich konnte ihnen bisher nie eine klare Antwort geben. Ich wusste nicht, wo sie sich versammeln und ob überhaupt. Zu uns in die Russendisko kommen sehr unterschiedliche Leute, die wegen der schlechten Beleuchtung alle gleich aussehen. Und wegen zu lauter Musik hört man auch nicht, welche Sprachen sie sprechen. Ich kann doch unmöglich dort an der Tür stehen und jeden fragen, ob er ein Russe ist. Erst jetzt, nach 18 Jahren in Berlin, habe ich endlich erfahren, wo die ganzen Russen in dieser Stadt stecken - im Block House am Kudamm, Ecke Adenauer Platz. Es sind aber ungewöhnliche Russen. Sie trinken Rotwein statt Wodka und essen Filet Mignon statt Pelmenis.
Wir haben dann das Gleiche wie die Rotweinrussen bestellt. Meine Kinder bekamen Kochschürzen und durften in der Küche die Köche bei der Arbeit bestaunen. Die Malblätter mit lustigem Bambi und Luftballons, die man in verschiedenen Farben ausmalen soll, ließen sie kalt. Wir waren vor einer Woche in Moskau zum Essen ausgegangen - und hatten zufällig ein Restaurant mit exotischer deutscher Küche erwischt. Als exotische deutsche Küche werden in Moskau in der Regel viele Würste in verschiedenen Farben und Größen serviert, dazu Sauerkraut und Bier aus Litergläsern. Die Malhefte in diesem Restaurant waren eine Besonderheit für sich. Es waren Militärmalhefte. Für die Jungs gab es Panzer zum Ausmalen, für die Mädchen Raketen. Vielleicht waren diese Hefte für Erwachsene gedacht, falls einer nach dem dritten Großbier Lust auf Malen bekommt? Auf jeden Fall haben meine Kinder, beide überzeugte Pazifisten, nach diesem Vorfall eine gewisse Abneigung in Bezug auf Malhefte entwickelt.

Das Block House war knackevoll, es gab keinen einzigen freien Platz und wenn eine Gesellschaft das Restaurant verließ, besetzte sofort eine neue Gruppe die noch warmen Stühle. Und das sei nicht nur an den Wochenenden, sondern jeden Tag so, außer Montags, erklärte mir die Chefin. Ein wenig erinnerte mich dieses Block House an Moskauer Cafés im Sommer, vor allem wegen der vielen scharf angezogenen Frauen und muskelbepackten Männer, die  vorbeigingen. Man kann überhaupt sagen, das sich am Kudamm die Frauen anders anziehen als zum Beispiel die in unserem Alt-Studenten Bezirk Prenzlauer Berg. Bei uns achten die jungen Frauen sehr darauf, dass ihre inneren Werte zum Vorschein kommen. Deswegen versuchen sie sich so bescheiden wie möglich einzuwickeln, damit ihre inneren Werte nicht von irgendeinem Schnick-Schnack überschattet werden. Manchmal machen sie sich extra ein wenig hässlich, in dem sie auf ein besonders dicken Hintern eine besonders enge Hose ziehen oder umgekehrt. Im Westen dagegen scheinen die Frauen großen Wert auf ihre äußeren Werte zu legen.

"Schreibe bitte in meinem Namen einen Dank für die richtigen Weingläser", meinte meine Frau, die große Gläser mag. Das tue ich hiermit. Die Russische Speisekarte war in einem dermaßen poetischen Stil verfasst, das man allein vom Lesen schon einen Riesenhunger bekam. Ein zart gebratenes Stück Rind hieß in der russischen Beschreibung "kraftströzend und entzückend scheu". Man wollte dieses Fleisch sofort heiraten. Sie können sich also vorstellen, wie schnell wir unsere Mignons verinnerlichten. Die Kinder bewerteten den Laden als außerordentlich kinderfreundlich und konnten sich am Ende kaum noch bewegen. Beim Verlassen des Block House Restaurants machte der Kellner ein Gruppenfoto von uns und händigte uns das fertige Bild aus. Nach mehreren Gläsern argentinischen Rotweins sahen wir auf dem Foto irgendwie rosig aus, ein bisschen wie die Steaks, kraftströzend und entzückend scheu. Es fing an zu regnen, die Kinder schliefen fast ein, wir winkten schnell ein Taxi. Es wird bestimmt wieder ein Russe sein, meinte meine Frau. Es war aber ein Deutscher.
Block Gruppe

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